Ein Leben zwischen Träumen und Verantwortung
- ReadingWitch

- vor 6 Tagen
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Aktualisiert: vor 1 Tag
Rezension "22 Bahnen"

Tilda ist eine junge Frau, die in einer Kleinstadt ein durchgetaktetes Leben führt. Sie studiert Mathematik, arbeitet nachmittags in einem Supermarkt an der Kasse und kümmert sich um ihre jüngere Schwester Ida. Tildas Leben ist anders, als das ihrer Freunde. Anstatt das Leben nach dem Abitur zu genießen, flügge zu werden und die Welt entdecken, versorgt sie ihre Alkoholkranke Mutter und Ida. Ihre einzige Ablenkung vom eintönigen Alltag, ist das regelmäßige Schwimmen im örtlichen Freibad. Immer nur exakt 22 Bahnen. Von einem anderen Leben wagt sie noch nicht mal zu träumen, bis ihr ein Dozent unverhofft eine Promotionsstelle in Berlin anbietet. Um das Chaos perfekt zu machen, taucht auch noch ein Mann in ihrem Leben auf. Plötzlich muss sich Tilda entscheiden, welchen Weg sie geht. Ist sie weiterhin für ihre Schwester da oder folgt sie ihren Träumen?
Caroline Wahl hat mit "22 Bahnen" einen sehr berührenden Roman über die Töchter einer suchtkranken Mutter verfasst. Der Fokus lag dabei nicht auf der Mutter-Kind-Beziehung, sondern auf der Entwicklung von Tilda. Sie hat die Verantwortung für ihre kleine Schwester übernommen und musste sehr schnell erwachsen werden. Eindringlicher wirkt das Ganze durch den ungewöhnlichen Schreibstil der Autorin. Die kurzen und abgehackten Sätze sowie häufige Wiederholungen erinnern an eine "to Do"- Liste, die abgearbeitet gehört. Diesen Eindruck bekommt man auch von Tildas Alltag. Es ist eine nicht enden wollende "to Do"-Liste, die sie emotionslos abarbeitet, weil sie sich mit ihrem Leben scheinbar abgefunden hat. Das Schwimmen ist dabei für Tilda die Flucht aus dem Hamsterrad. Dort ist sie nicht den Umständen Ausgeliefert, sondern folgt ihren Regeln und Vorstellungen. An Regentagen wird sie von ihrer Schwester Ida begleitet. Das Angebot der Promotionsstelle sprengt diese Abläufe und bringt sie in eine Zerrissenheit, die sie so nicht kennt. Kann sie ihre Schwester mit der Mutter, die auch in ihren klaren Momenten nur an sich denkt, alleine lassen? Was wird aus Ida, wenn ihre große Schwester geht?
Den Kontrast dazu bietet das Leben von Tildas bester Freundin. Ihre Eltern sind Wohlhabend. Sie hat ein harmonisches Familienleben, in dem Mutter und Vater präsent sind. Sie kann unbeschwert ihren Träumen folgen. Besonders hervorgehoben wird dabei die Situation beim täglichen Abendessen. Während sich Tilda um das Essen für sich und Ida selbst kümmern muss, weil die Mutter kaum ansprechbar ist, gibt es bei ihrer Freundin einen liebevoll gedeckten Tisch, an dem alle zusammenkommen. Auffallend ist dabei die Beschreibung von Radieschen, die sich als Synonym für Geborgenheit durch den Roman zieht.
Auch die Dialoge folgen einem ungewöhnlichen Muster. Das durch die Figur gesagte, taucht erst als nieder geschriebener Gedanke auf. Wird dann in der wörtlichen Rede genauso oder auch etwas abgewandelt, wenn die Wahrheit zu schmerzhaft ist, wiedergegeben. Dadurch wirken die Figuren auf mich authentisch und real. Die Last der Verantwortung auf Tildas Schultern und ihre Schuldgefühle wegen dem Wunsch nach Freiheit konnte man als Lesende nachfühlen und nachvollziehen. Alle Charaktere (bis auf die Mutter) wirkten auf mich sympathisch und greifbar.
Zusammenfassend kann ich sagen, dass mich die Geschichte um Tildas Leben und Entscheidung komplett verzaubert und in ihren Bann gezogen hat. Ich habe mit ihr gelitten und mich über ihre Ideen und Erfolge gefreut. Der Schreibstil von Caroline Wahl ist sicherlich gewöhnung bedürftig. Aber ich fand ihn im Zusammenhang mit so einem Thema genau richtig. Durch diese abgehackte und schnörkellose Beschreibung der Geschehnisse offenbart sich gefühlt die Tildas Ausweglosigkeit. Und doch gibt es Hoffnung. Und von mir eine klare Leseempfehlung.




Mir hat der Schreibstil nicht gefallen. Habe nicht in das Buch gefunden.