• ReadingWitch

„Du bist nicht nicht Ich.“

Aktualisiert: März 12

Rezension „Die Zeit des Lichts“

Ende der zwanziger Jahre kommt Lee Miller, nachdem sie mit zweiundzwanzig Jahren beschlossen hat, dass sie kein Model mehr sein möchte, sondern lieber selber hinter der Kamera stehen will, nach Paris. Sie will sich selbst neu entdecken. Doch zunächst bleibt für sie die Pariser Künstlerwelt verborgen und Lee versinkt in Einsamkeit. Das ändert sich jedoch, als Lee den berühmten Fotograf und Künstler Man Ray kennenlernt und mit ihm zusammen die aufregende und schillernde Künstlerszene für sich erschloss. Bevor die zwei ein Liebespaar werden, arbeitet Lee als Mans Assistentin und lernt dabei viel über die Fotografie. Doch je besser Lee darin wird, desto zwangvoller versucht Man sie zu seinem Eigentum zu machen und überschreitet damit Grenzen.


Whitney Scharer erzählt in diesem Liebes- und Künstlerroman über das bewegende und bewegte Leben von Lee Miller, die Ihre Karriere als Model in New York begann und dann in Europa zur Künstlerin, Fotografin und Kriegsberichterstatterin im Zweiten Weltkrieg wurde. Gekonnt vereint Scharer biografische Elemente mit literarischer Freiheit und erschafft eine Geschichte, die einem diese begabte und aufregende Persönlichkeit näher bringt, ohne dabei an einen Lebenslauf oder einen Eintrag bei Wiki zu erinnern.


Scharer beschreibt anschaulich die prägenden Einflüsse auf Lee Millers Entwicklung, welchen Einfluss ihre Kindheit und die Beziehung zu ihren Eltern, die Beziehung zu Männern im Allgemeinen und zu Man im Besonderen, beeinflussten. Dabei fokussiert sie sich auf Lees Emanzipation. Lee Miller will nicht im Schatten von jemandem stehen, sondern eine ernsthafte und eigenständige Künstlerin sein. Sie kämpft um Anerkennung in einer von Männern dominierten Kunstwelt und schwankt dabei immer wieder zwischen Dunkelheit und Licht. Das Ganze verpackt die Autorin in die glänzende Stadt und schmückt oder vielmehr unterstreicht das mit klugen Dialogen über Kunst, Freiheit und natürlich die Liebe.


Das Thema Licht und Schatten zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte und wird von Scharer noch weiter betont, indem sie zwischen den Abschnitten der glücklichen und leichten Zeit in Paris, und der Jahre als Kriegsfotografin wechselt. In dieser Zeit erlebt Lee die grausamen Folgen des Kriegs. Sie war bei der Befreiung des Konzentrationslagers in Dachau dabei, erlebt die Gräueltaten in der Normandie und kommt nach München in Hitlers Wohnung, in der das berühmte Bild „Frau in Hitlers Badewanne“ entsteht.


Auch der Genuss des Alkohols zieht sich durch den Roman und wird mit fortschreitender Geschichte immer mehr. Zu Beginn des Pariser Lebens sind es einige Drinks und Wein zum Essen. Doch Whitney Scharer zeigt schleichend, dass Lee Miller den Wein immer häufiger zum Vergessen brauchte und das ganze nach dem Krieg seinen Höhepunkt in einer Depression fand.


Es ist ein sehr gelungener Debütroman von Whitney Scharer. Sie beschreibt exakt und realistisch das Geschehen, ohne den Leser mit historischen Details zu langweilen. Dabei erweckt sie die extravagante Welt mit Prominenten wie z.B. Kiki de Montparnasse, Jean Cocteau, Dalì, Picasso, usw. um Lee herum für den Leser zum Leben. Plastisch und anschaulich werden die Opiumhöhlen und die surrealen Personen dargestellt. Die Erzählweise ist flüssig und ansprechend und garantiert ein fesselndes Unterhaltungserlebnis.

43 Ansichten1 Kommentar

©2020 ReadingWitch.