Tabubrüche und Kindheitstraumata
- ReadingWitch

- vor 12 Minuten
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Rezension "Mädchen für alles"

Vor uns sehen wir ein Ehepaar in den 30ern aus der Mittelschicht. Sie sind gut situiert, leben in einem eigenen Häuschen, haben ein gemeinsamen Baby und sind einander überdrüssig. Die typischen Millennials eben, die die innere Leere hinter einer hübschen Fassade von Erfolg verbergen und mit sinnlosen Einkäufen auf Shoppingapps diese zu füllen versuchen.
Charlotte Roche ist bekannt dafür, dass sie in ihren Büchern Tabus aufgreift und im Rahmen seelischer Probleme und Neurosen den Lesenden ungefiltert und schonungslos vor die Füße knallt. Roche mag es zu schockieren und provoziert sehr gerne in ihren Büchern. Doch hinter diesen Darstellungen diverser Körperflüssigkeiten und sexuellen Ausschweifungen, verbergen sich bei ihren Figuren unverarbeitete Traumata. Auch im aktuellen Roman hat sie einiges zusammengetragen.
Im Vordergrund steht Christine, eine überforderte Mutter am Rande einer Depression. Sie vernachlässigt ihr Baby und betäubt sich mit Alkohol und Drogen, um den Tag zu überstehen. Um ihr zu helfen, stellt ihr Mann Marie ein. Sie soll Christine bei der Erledigung des Haushalts und der Pflege des Babys unterstützen. Marie ist eine wunderschöne und willige Studentin, die unserer Protagonistin neues Leben verleiht. Christine hat sich in den Kopf gesetzt die Babysitterin zu verführen, bevor ihr Mann das tut.
Wir erleben die Geschichte aus Christines Perspektive. Sehen alle Situationen durch ihre Augen und erfahren aus erster Hand alles über ihre Gefühlswelt. Dadurch hat man von der Hauptfigur einen sehr guten Eindruck. Sie ist lebendig und authentisch, aber nicht immer sympathisch. Marie und Christines Mann sind ehe Randerscheinungen. Obwohl Marie als "Mädchen für alles" eine tragende Rolle in dieser Geschichte spielt, erfährt man sehr wenig über sie und ihre Motive. Sie dient als Mittel zum Zweck.
Der Schreibstil der Autorin ist flüssig und doch etwas ungewohnt. Für die Gedankengänge der Protagonistin bedient sie sich der Jugendsprache, die man von Sozialen Medien her kennt. Die Sätze sind kurz und Beschreibungen unverblümt und deutlich die Situation, was aber auch den Charm der Bücher von Charlotte Roche ausmacht. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund.
In Vordergrund dieser Erzählung steht zunächst Christines Abneigung gegenüber ihren Aufgaben als Mutter, Haus- und Ehefrau sowie ihre Zuneigung zu Marie. Doch mit dem Fortschreiten der Erzählung kristallisiert sich ein enormes Kindheitstraumata, ausgelöst durch den Scheidungskonflikt ihrer Eltern. Sie wirft ihn vor, nur an sich selbst gedacht zu haben und damit Christine zum Funktionieren gezwungen zu haben. Sie fühlt sich vernachlässigt und nicht gehört. Dieses System kenn ich auch aus den anderen Romanen von Roche. Sie fängt mit Tabus an, um dann ohne Umwege in der schwierigen Kindheit zu landen. Christine nimmt Drogen, ist Mutter, erlebt erotische Momente mit Marie und möchte doch nur von ihren Eltern geliebt werden.
Als Mama von drei Kindern ist es für mich unbegreiflich, sich um ein Baby nicht zu kümmern. Deshalb war es für mich spannend und abstoßend zugleich der Protagonistin beim Vernachlässigen ihrer kleinen Tochter zu zusehen. Mitreißend waren Christines Gedankenströme dennoch. Es waren nachvollziehbare und verrückte Gedanken. Oder auch Gedanken, die man selbst schon hatte. Wem ist das noch nie in den Kopf gekommen, dass man alles einfach nur satthat und zurück in Bett will. Christine traut sich und lebt genau das aus. Würde ich es genauso machen? Wahrscheinlich nicht. Würde ich dieses Buch empfehlen? Jaaa.









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