Ein Roman über Liebe, Lust und Leidenschaft
- ReadingWitch

- 10. Apr.
- 3 Min. Lesezeit
Rezension "Salz auf unserer Haut" von Benoîte Groult

Die meisten Liebesgeschichten zeichnen ein allzu romantisches und unrealistisches Bild. Das Paar findet sich unter schwierigen Umständen, und danach wird alles gut. Große Worte werden gewechselt, viel heiße Luft verbreitet, und alles endet in einem "Happy End". Doch die Realität sieht anders aus. Genau das thematisiert Benoîte Groult in ihrem Roman Salz auf unserer Haut und konfrontiert die Leser mit der bittersüßen Wirklichkeit von Liebe, Lust und Leidenschaft.
Zu Beginn des Buches finden George, die Pariser Intellektuelle, und Gauvin, der bretonische Fischer, in einer leidenschaftlichen Nacht zueinander. Doch daraus entsteht keine Beziehung, da Erziehung, Bildung und Weltanschauung Barrieren zwischen ihnen bilden. Beide gehen ihren eigenen Weg. Auch als Gauvin nach Paris kommt, um George für sich zu gewinnen, lehnt sie ab. Jahre vergehen, das Leben geht weiter. Ehepartner und Kinder kommen hinzu, und irgendwann begegnen sich die beiden zufällig am anderen Ende der Welt. Schnell wird ihnen klar, dass ihre Liebe und Leidenschaft füreinander nicht erloschen sind, und sie beginnen eine Affäre, die von seltenen Treffen an abgelegenen Orten lebt. Sie treffen sich auf den Seychellen, besuchen gemeinsam Disney World, und andere schöne Orte der Welt werden zur Kulisse ihrer Sehnsucht.
Die Geschichte wird aus Georges Sicht erzählt. Sie verkörpert ein modernes und feministisches Frauenbild. Ihr Studium und die darauf folgende Karriere stellt sie über die Liebe. Sie hat klare Vorstellungen von ihrem Leben, in das ein einfacher Fischer nicht passt. Sie versteht, dass ihre Liebe zu ihm auf körperlicher Leidenschaft basiert. Im Alltag würde sie sich schnell von ihm gelangweilt und gereizt fühlen. Sehr deutlich wird dies in der Passage über den Besuch in Disney World. Auch die Geschenke, die Gauvin ihr macht, bereiten ihr wenig Freude. Seine Einfachheit ist etwas, das George gleichzeitig anzieht und abstößt.
Gauvin wird von Benoîte Groult als einfacher, gutherziger Mann beschrieben, der sich um seine Familie kümmert. Seine Liebe zu George scheint weniger Vorbehalte zu haben. Und obwohl er verheiratet ist, bleibt er George emotional treu.
Die beiden Hauptfiguren sind keine idealisierten Helden, sondern Menschen mit Ecken und Kanten. Ihre Schwächen und Stärken verleihen ihnen Glaubwürdigkeit und Sympathie. Besonders beeindruckend ist die Entwicklung der Beziehung zwischen den beiden Protagonisten. In ihren unterschiedlichen Lebenswegen erleben sie Höhen und Tiefen, doch ihre Sehnsucht nacheinander bleibt konstant. Da aufgrund ihrer unterschiedlichen Herkunft eine gleichwertige Beziehung nicht möglich zu sein scheint, beschränken sie ihre Liebe auf körperliches Verlangen. Dabei stellt die Autorin die weibliche Lust in den Vordergrund. Sie spricht die Dinge offen an und thematisiert an mehreren Stellen die Komplexität des weiblichen Orgasmus. Aus heutiger Sicht ist das nichts Ungewöhnliches, doch in den späten 80ern (Veröffentlichung) war das ein kleiner Skandal.
Der Schreibstil und die Sprache der Autorin sind sehr bildhaft und passen zum Thema, ohne auf kitschige Formulierungen eines typischen Liebesromans zurückzugreifen. Sie verwendet viele Metaphern und poetische Elemente, um Gefühle und Emotionen eindrucksvoll zu vermitteln. Groult setzt zudem verschiedene Sprachstile ein, um die Bildungsunterschiede der beiden Protagonisten deutlich zu machen. Meiner Meinung nach gelingt es ihr überzeugend, sowohl die Pariser Intellektuelle, die wahrscheinlich auch ihrem eigenen Naturell entspricht, als auch den einfachen Fischer aus einem abgelegenen Fischerdorf authentisch darzustellen.
Salz auf unserer Haut nimmt die Leser mit in eine Welt voller Emotionen und Sinnlichkeit. Der Autorin gelingt es, die Charaktere so lebendig und authentisch darzustellen, dass man sich sofort in sie hineinversetzt fühlt. Die Protagonisten führen eine Beziehung, die von Beginn an von Liebe, Lust und Leidenschaft geprägt ist, jedoch auch von ständiger Sehnsucht begleitet wird. Besonders an diesem Buch ist die Art, wie es die verschiedenen Facetten der Liebe beleuchtet. Es geht nicht nur um romantische Vorstellungen, sondern auch um die Herausforderungen des Lebens und wie diese die Liebe zwischen zwei Menschen definieren. Die Geschichte zeigt, dass Liebe auch ohne eine Beziehung und gemeinsamen Alltag bestehen kann. Sie verdeutlicht jedoch auch, dass Liebe allein für eine Beziehung nicht ausreicht. Ich gebe diesem wunderbaren und ehrlichen Werk eine klare Leseempfehlung. Es ist ein Roman, den man mehrfach lesen kann und dabei immer wieder neue Details entdeckt. Es ist ein Roman, den man ein Leben lang lesen kann.




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