• ReadingWitch

Sex, Drugs and Punkrock

Rezension "Die Toten Hosen - An Anfang war der Lärm"*


Als ich vor fast 30 Jahren nach Deutschland kam und den Song „Alles aus Liebe“ im Fernsehen hörte, war ich gleichermaßen fasziniert und verwirrt. Bei Liedern auf Deutsch spielt der Text eine große Rolle. Viel mehr als bei englischen oder amerikanischen Titeln. Auch mich zog der Text des Songs in seinen Bahn. Mit meinen damals 10 Jahren hatte ich eine Vorstellung von Liebe, die nicht diesem Song entsprach, und trotzdem hörte sich das, was Campino da sang, stimmig am. Ich war fasziniert davon, dass die Liebe, die er beschreibt romantisch und zerstörerisch zugleich ist.


Heute weiß ich, dass die in diesem Lied beschriebenen Emotionen und Gefühle toxisch sind und dass diese Art der Beziehung die Beteiligten krank macht. Warum dieser Song trotzdem genauso erscheinen musste, erklärt Philipp Oehmke in der Band-Biographie "Die Toten Hosen - Am Anfang war der Lärm".


Seit nun 40 Jahren existiert die Band "die Toten Hosen" und ist als erfolgreichste deutsche Rockband aus der Musikwelt nicht mehr weg zu denken. Doch was ist das Geheimnis hinter diesem Erfolg? Wie funktioniert das Bandgefüge? Hat Campino wirklich das Sagen?

"Ihr Aussehen zum Davonlaufen. Ihr Benehmen nicht akzeptabel. Ihre Musik dröhnte. Vier von fünf konnten kein Instrument spielen. Wie konnte aus diesen Typen die erfolgreichste Rockband Deutschlands werden?"

Diesen Fragen widmet sie Oehmke in seinem Buch. Er durfte die Toten Hosen einige Zeit begleiten und Inhalt für diese Biographie sammeln. Entstanden ist daraus ein wunderbares Werk, welches sich nicht chronologisch von einem Meilenstein zum nächsten angelt, sondern alle wichtigen Lebensbereiche der fünf Bandmitglieder abklopft. Es werden die Familien und Eltern beleuchtet, um zu erklären warum sich die damals jungen Männer dem Punk zu wanden. Die Punkszene in Deutschland und auch international wird erklärt und auch auf die Rolle des Ratinger-Hofs wird eingegangen. Der Autor widmet sich ausführlich den Anfängen der Band. Die Toten Hosen wollten eine Punkband sein, obwohl damals die Punkbewegung sich ihrem Ende nährte und in Deutschland so gut wie unbekannt war. Philipp Oehmke beschreibt ihren Weg zum Erfolg und wie die Band damit umging. Auch auf unbequeme Themen und negativ prägende Ereignisse geht der Autor ein. So erhalten die Ausschreitungen und die Drogenexzesse der 90er Jahre ein eigenes Kapitel wie auch das 1000ste Konzert, bei dem ein 16 jähriges Mädchen in der Menge totgetrampelt wurde.


Philipp Oehmke zeigt sehr gekonnt die Entwicklung der Band in den vergangen Jahren. Ein paar Jungs haben sich zusammen getan, um aus Spaß Musik zu machen. Nur einer von ihnen konnte ein Instrument spielen und bei ihren Auftritten verbreiteten sie viel Chaos. Auch der Bandname wurde damals so gewählt, dass er beim Gegenüber möglichst wenige Erwartungen weckt. Die Toten Hosen wollten nur provozieren und vom Rande der Gesellschaft aus das biedere Deutschland der 80er Jahre reizen. Doch wie wird man mit solch einer Basis so erfolgreich? Ganz einfach in dem man mit viel Fleiß, Disziplin und Leidenschaft an die Sache ran geht. Die Toten Hosen legen genau die typisch deutschen Eigenschaften an den Tag, welche sie eigentlich als Punks verspotten. Genau diesen Zwiespalt und diese Widersprüchlichkeit hat der Autor in seinem Werk wunderbar heraus gearbeitet und erklärt, wie die Band ihrem Mainstreamerfolg umgeht. Wie sie mit dem Druck umgehen, wieder ein gelungenes Album zu produzieren ohne sich dabei zu zerfleischen oder die eigenen Ideale zu verraten. Das Buch bittet sehr intime Einblicke in das Bandgefüge und sogar in die Gedankenwelt einiger Mitglieder.


Es ist eine außergewöhnliche Biographie, die vom Stil her leicht und mitreißend geschrieben ist. Störend war für mich allerdings, dass der Autor sich nicht an die Zeittafel gehalten hat. Im Nachhinein war diese Art der Aufteilung für mich nachvollziehbar, da einzelne Schwerpunkte im Wandel der Zeit und aus verschiedenen Perspektiveb beleuchtet werden. Das behinderte den Lesefluss ein wenig. Auch waren für mich die vielen Namen und Pseudonyme sehr verwirrend. Ich musste immer wieder zurück blättern, um nachzulesen wer die Person war, um die es da gerade ging. Ein Personenverzeichnis wäre in diesem Fall vielleicht hilfreich.


Man muss auch kein Fan der Toten Hosen sein, um von der Geschichte dieser Band unterhalten zu werden. Von mir gibt es für dieses Werk eine klare Leseempfehlung. Weitere Hintergrundinformationen findet man in einem Interview mit Philipp Oehmke zu diesem Buch auf der offizielle Website der Band (https://www.dietotenhosen.de/magazin/philipp-oehmke) oder auch noch mal die Geschichte der Band in zeitlicher Reinfolge (https://www.dietotenhosen.de/).
















46 Ansichten1 Kommentar

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen