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Glücklich bis ans Lebensende

Aktualisiert: 6. Feb.

Rezension "Das Hotel New Hampshire"

Zum Abitur schenkten mir meine Eltern nicht etwa ein Laptop oder gar ein Auto, wie es andere bekamen. Nein sie schenkten mir die Sammlung klassischer Literatur des 20sten Jahrhunderts zusammengestellt von der Redaktion der Süddeutschen Zeitung. Nun gut, einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Es handelt sich dabei um 100 ausgewählte Romane der Weltliteratur. Hin und wieder hole ich eines davon aus dem Regal und beginne zu lesen.


So kam ich zum Roman "Das Hotel New Hampshire" von John Irving. Der Autor erzählt die Geschichte der Familie Berry, die etwa 1940 mit dem Kennenlernen der Protagonisten Mary und Winslow (Win) Berry beginnt und in den 1970er Jahren endet. Hauptthema ist dabei das Leben der fünf Kinder, Frank, Franny, John, Lilly und dem Jüngsten, Egg, im Schatten der Träume des Vaters. John nimmt die Rolle des Beobachters und Erzählers ein. Aus seiner Perspektive berichtet er zunächst über die erste Begegnung seiner Eltern während eines Ferienjobs im Hotel Arbuthnot im Sommer 1939. Eine Attraktion dieses Hotels ist der Bär State o` Maine, welcher dem österreichischen Juden Freud gehört. Freud macht diesen Bären Winslow Berry zum Geschenk und besteht darauf, dass die zwei Verliebten so schnell wie möglich heiraten. Mit den Auftritten des Bärs finanziert sich Winslow sein Studium und nach der Heirat bekommen er und Mary kurz nach einander ihre Kinder.


Wins Traum ist es ein eigenes Hotel zu führen. Die erste Chance bietet sich ihm, als die Schule an der er nach seinem Studium als Lehrer arbeitet, schließt. Dort eröffnet die Familie ihr erstes Hotel. Diesem werden noch einige weitere folgen. Dabei lässt Irving seine Charaktere vieles durchmachen. Franny fällt einer Gruppenvergewaltigung zum Opfer, bei Lilly wird Kleinwüchsigkeit festgestellt, Frank kämpft mit seiner Homosexualität und Win muss den Tod seiner Frau und seines Jüngsten verkraften.


Es ist eine nicht vorhersehbare Geschichte, in einen interessanten Sprachstil gehalten, in dem mitten im Plot Rückblenden verpackt werden, die nichts mit dem aktuell Erzählten zu tun haben, ohne das es deplatziert wirkt. Für meinen Geschmack allerdings ist der Autor an manchen Stellen zu detailversessen und in seiner Ausdrucksweise zu vulgär und an anderen Stellen ist die Erzählweise einfach langweilig und langatmig.


Zu Beginn sind die Charaktere tiefgründig und vielschichtig gezeichnet, und ihre Entwicklung im Laufe der Handlung ist bemerkenswert. Doch nach kurzer Zeit überzeichnet der Autor seine Figuren und die Handlung enorm. Ihm gelingt es meisterhaft, die Dynamik und die Beziehungen innerhalb der Familie darzustellen, wobei er sowohl die humorvollen als auch die tragischen Aspekte des Familienlebens einfängt. Was allerdings auffällt, ist das Trauer und Schmerz in dieser Familie nie wirklich ausgesprochen werden. Einzelne Familienmitglieder überstehen folgenschwere Schicksalsschläge, scheinen aber keine nennenswerte psychische Belastung zu verspüren.


Die Handlung ist voller unerwarteter Wendungen und überraschender Ereignisse, aber ohne jegliche Spannung. Die Geschichte plätschert so dahin zwischen skurrilen Personen und absurden Situationen, ohne dass für den Leser ein richtiger Plot ersichtlich wäre. Irving kreiert eine einzigartige Atmosphäre, die sehr mitreißen hätte sein können, aber kurz bevor die Aufregung kommt, wird eine vollkommen verrückte Szene eingeschoben. Beim Humor gab es tatsächlich ein paar Höhepunkte, die mich zum lauten Auflachen brachten, aber diese Augenblicke sind zu selten. Viel auffälliger waren hier die ständigen Wiederholungen gewisser Sätze, wie: "Kummer schwimmt obenauf." und "Bleib weg von offenen Fenstern!".


"Das Hotel New Hampshire" war mein erster Roman von John Irving und nach dem Lesen habe ich mich gefragt, was ich im Text übersehen oder nicht begriffen hab. Den ganzen positiven Kritiken und Rezensionen kann ich mich mit meiner Einschätzung nicht anschließen. Dieser Autor hat einen eigenen unverkennbaren Schreibstil, mit dem er Szenen gut erfasst und anschließend mit ordinären Extremen zerreißt. In meiner Einschätzung kann ich mich nicht so recht entscheiden, ob in diesem Roman "dem amerikanische Traum" gehuldigt werden soll oder ob es eine satirische Überzeichnung amerikanischer Vorstellungen ist. Schmerz und Verlust werden ignoriert und es wird weiter gemacht, bis man umfällt. Vielleicht war dieses Buch zum Einstieg in Irvings Welt unglücklich gewählt, aber von mir gibt es dafür keine Leseempfehlung.


Hotel New Hampshire
"Das Hotel New Hampshire" von John Irving

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