Wie in einem Fiebertraum ...
- ReadingWitch

- vor 19 Stunden
- 4 Min. Lesezeit
Rezension "Die satanischen Verse" von Salman Rushdie

... erlebte ich die Geschehnisse des Romans "Die satanischen Verse" von Salman Rushdie. Direkt zu Beginn wird der Überlebenskampf zweier Männer beschrieben, die eine Flugzeugexplosion in der Luft als einzige überlebten und nun ins Meer stürzen. Die Überlebenden sind Gibril Farishta und Saladin Chamcha, zwei indische Schauspieler, die vor der englischen Küste vom Himmel fallen und wie durch ein Wunder gänzlich unversehrt bleiben. Als wäre das nicht schon fantastisch genug, folgen dem Absturz seltsame Dinge. Der gläubige Moslem, Gibril verwandelt sich Stück für Stück in den Erzengel Gabriel und der Inder Saladin, der in London lebt und seine Herkunft verleugnet nimmt nach und nach die Gestalt eines Teufels an.
Nach dem Absturz kommen die Beiden bei der an der Küste alleinlebenden Rosa unter. Der sich zum Engel verwandelte Gibril verführt sie, indem er sie glauben lässt, ihr ihre Sehnsüchte zu erfüllen und verrät Saladin mit ihrer Unterstützung an die Polizei. Für Saladin beginnt eine Tortur. Alle halten ihn für einen illegalen Flüchtling. Durch die Polizei erlebt er Rassismus, kommt ins Gefängnis und dann in ein Krankenhaus. Als er endlich nach langer Zeit sein Zuhause erreicht, muss er feststellen, dass seine Frau jetzt mit seinem Freund liiert ist. Letztendlich kommt er in einem Migrantenviertel bei einer Familie unter.
Gibril hingegen verliebt sich unsterblich in die englische Bergsteigerin jüdischer Abstammung namens Alleluja Cone. Doch seine Liebe verwandelt sich schnell in krankhafte Eifersucht. Außerdem wird er von ständigen Visionen geplagt, sodass er bald nicht mehr zwischen Realität und Traum unterscheiden kann.
Und dann sind da noch spannende Nebenhandlungen in Form dieser Visionen und Träume, die uns in eine alte Wüstenstadt führen, in welcher die Geschichte des Propheten Mahound erzählt wird. In diesen Träumen verbergen sich die satanischen Verse. Zufälligerweise hat Mahound immer dann Kontakt zur Göttlichen Macht, wenn seine Anhänger seine Ansichten in Frage stellen. Auch gibt es da ein junges Mädchen in einem kleinen Dorf, welches vor den Bewohnern als göttlich verehrt wird. Sie verspricht ihren Anhängern das Arabische Meer zu spalten und sie so nach Mekka zu führen.
Es ist ein ungewöhnlicher Roman über Gut und Böse und die Rolle einer Religion im Leben der Menschen. Rushdi nimmt zwei Schauspieler und macht sie zum Engel und Teufel, die er oft entgegen der Erwartungen, welche man mit diesen Figuren verbindet, handeln lässt. So terrorisiert der Engel seine Geliebte mit seinem Machogehabe und nimmt den Tod verschiedener Menschen in Kauf. Während der Teufel seine Frau mit ihrem neuen Mann schweren Herzens ziehen lässt und außer Gibril niemandem etwas Schlechtes wünscht.
Das alles beschreibt der Autor in einer außergewöhnlichen Sprache mit vielen Metaphern und Allegorien. Er benutzt viele verschachtelte Sätze und füllt damit jede Seite mit sehr viel Inhalt. Rushdie verweist direkt oder auch indirekt auf Themen verschiedener Religionen, Legenden, Mythen und Klassiker der Weltliteratur. Nachdem mir beim Lesen klar wurde, dass ich vom Inhalt vieles nicht verstehe, begann ich über diesen Roman zu recherchieren und nach dem ich etliche Interpretierhilfen im Internet studiert habe, wurde mir bewusst wie Vielschichtig dieses Werk ist. Es geht um viel mehr, als nur Kritik an Religion. Es handelt von Migration, Identität und natürlich auch Liebe.
Aufmerksam wurde ich auf dieses Buch, als ich in den Nachrichten gehört habe, dass der Autor Salman Rushdie bei einem öffentlichen Auftritt aufgrund einer nach der Veröffentlichung dieses Buches 1989 von Ajatollah Chomeini über Radio Teheran ausgerufenen Fatwa gegen den Schriftsteller und all diejenigen, die den Text, der eine Beleidigung des Propheten darstelle, verbreiten und übersetzen, nieder gestochen wurde. Doch nicht nur Rushdie wurde Opfer, sondern auch Verleger und Übersetzer. Natürlich wollte ich nach dieser Meldung dieses Buch lesen.
Sehr gespannt war ich auf die Passagen im Buch, welche als so skandalös und beleidigend empfunden wurden sind, dass sie ein solche Entwicklung für den Autor haben könnten. Ich persönlich fand diese Passagen nicht. Vielleicht fehlt mir auch nur dieser Glaube, der Religion über alles stellt und jegliche Kritik und Zweifel verbietet. Meiner Meinung nach basiert Religion und auch andere Ideologien auf klaren Vorstellungen von Gut und Böse. Die Grenzen sind nicht schwimmend, sondern deutlich und unumstößlich. Rushdie allerdings zeigt in seinem Roman ein anderes Bild. Unsere Welt kann man nicht in schwarz und weiß aufteilen. Die Menschen sind sehr viel komplexer. So sind da die fehlbaren Propheten und ein Engel und ein Teufel, die nicht nach den zu erwartenden Rollen agieren. Gibril bringt den Menschen keinen Frieden, stattdessen setzt er alles in Flammen. Während Saladin in Gestalt des Teufels zur Vergebung fähig ist.
Der Roman "Die satanischen Verse" von Salman Rushdie bekommt von mir eine klare Leseempfehlung. Es ist ein komplexes und umfangreiches Werk, was man nicht eben mal so wie Unterhaltungsliteratur nebenher lesen kann, aber dafür ist es nachhaltig und regt zum Nachdenken am. Der Inhalt ist eine Mischung aus Gesellschaftsroman und einer Sammlung an Mythen und Legenden. Beim Lesen hatte ich immer wieder das Gefühl in einem Fiebertraum zu sein. Die Grenze zwischen Realität und Traum war ausgesprochen fließen und nicht immer greifbar. Hin und wieder fragte ich mich auch, was ich hier eigentlich lese und warum ich damit nicht einfach aufhören kann. So skurril wie der Inhalt ist, so spannend ist er auch. Und wenn man das Ganze vor dem Hintergrund der Ereignisse um die Veröffentlichung herum betrachtet, ist es sogar sehr wichtig dieses Buch zu lesen, um ein Zeichen gegen Verbote und Zensur zu setzen.







Kommentare